Urheberrechtsdebatte – Kommentar von Thomas Sabottka

Durch die Wut-Rede von Musiker und Schriftsteller Sven Regener wurde die Problematik in das kollektive Bewusstsein katapultiert. Der Autor Thomas Sabottka mit einer exklusiven Kolumne zur aktuellen Urheberrechtsdebatte, die vor allem in Deutschland, zunehmend aber auch in der Schweiz entfacht worden ist.

Thomas Sabottka, by Fiona Styner

Thomas Sabottka, by Fiona Styner

Lange habe ich gedacht, dass ich mal lieber nix zu der aktuellen Urheberrechtsdiskussion sage. Gibt genügend, kompetente Äußerungen dazu. Zum Beispiel kann ich Sven Regeners Statement durchaus zustimmen. Auch wenn es sicherlich sehr polemisch ist. Aber das sind die Argumente der Piraten zum größten Teil auch. Besser, vor allem sachlicher, ist der Artikel von Jan Fleischhauer auf Spiegel-Online.
Aber gut. Ich bin gefragt worden, also hier meine Gedanken. Sicherlich ist es richtig über eine neue Form von Urheberrecht nachzudenken. Da es grundsätzlich sehr alt ist, noch aus einer Zeit stammt, wo es eigentlich nur um Bücher und vielleicht ein paar Schellackplatten ging.
Was ich momentan aber als großes Problem sehe ist, dass es kein realistisches, vernünftiges Modell gibt, wie Künstler dann von ihrer Arbeit leben sollen, wenn jedes sogenannte „geistige Eigentum“ komplett frei sein soll.
„Frei“ heißt für die meisten Leute heutzutage halt „umsonst“.
Es stimmt leider nicht, was Bruno Kramm im ARD Morgenmagazin gesagt hat, dass das Internet nur eine „Selektionsplattform“ sei. Das mag vielleicht für Leute wie ihn oder mich stimmen. Jener Generation also, die noch Vinyl gesammelt und mühevoll Kassetten zusammengestellt hat. Denen die Arbeit eines Künstlers bis heute durchaus etwas wert ist. Die bereit sind, dafür Geld zu zahlen und das Internet als eine reine Plattform zum Suchen und Antesten nutzen, dann aber das „physische“ Werk kaufen. Für die meisten ist das Internet aber leider ein riesiger „alles umsonst und kostenlos Selbstbedienungsladen“.
Ich habe über einen langen Zeitraum exklusiv im Internet, jede Woche eine Geschichte für einen Radiosender zur Verfügung gestellt. Nach messbaren Angaben (Serverzugriffe) waren durchaus eine fünfstellige Anzahl von Hörern jede Woche dabei. Es wurde sogar Unmut im Chat/Forum geäußert, wenn mal ein paar Wochen nur Wiederholungen liefern.
In diesem Zeitraum gab es aber über den Buchhandel (Stationär oder Internet) gerade mal 1% von dieser Hörerzahl an verkauften Büchern. Meine Auftritte waren auch nicht besser besucht als vorher. Für mich der Beweis, dass leider nur konsumiert wird, wenn es kostenlos ist und man dafür nicht den A…. aus dem Sessel heben muss.
Es ist sicherlich total überzogen, Leute die mal eine MP3 Datei runterladen zu kriminalisieren und mit Strafen in fünfstelliger Höhe zu belangen. Mir hat auch nie diese Kriminalisierungskampagne auf DVDs gefallen. Besser fand ich die „Danke, dass Sie sich für das Original entschieden haben“-Spots. Denn hier wurde an das Gewissen und die Wertschätzung des Verbrauchers appelliert.
Ich habe momentan keine Lösungsvorschlage. Fakt ist aber: Solange wie es keine realistischen Alternativmodelle gibt, wie Künstler bezahlt werden sollen, damit sie von ihrer Arbeit leben können, solange wie diese Mentalität weit verbreitet ist, dass das alles kostenlos sein muss und der Künstler mal bitte ganz ruhig sein soll, weil ihm seine Arbeit doch Spaß mache und er solle noch dankbar sein, dass man sich überhaupt für sein Zeug interessiert und bereit ist, es sich anzuhören, anzusehen, zu lesen – natürlich kostenlos -, ist diese ganze Diskussion nur Polemik. Den Schaden haben definitiv die „kleinen“ Künstler. Leute wie Madonna oder Prince können es sich leisten, Alben komplett zu verschenken. Die sogenannten „Verwertungsgesellschaften“ werden auch weiterhin das Meiste an der Arbeit der Künstler verdienen, es sei denn, der Künstler ist seine eigene „Verwertungsgesellschaft“. „Crowdfunding“ das neue Zauberwort, funktioniert nur bei schon längst etablierten Künstlern. Konzerne wie Apple und/oder YouTube werden durch die aktuelle Debatte kein bisschen um ihren Milliardengewinn geschmälert.
Im Moment greifen die Leute, die die „Freiheit und Verwertbarkeit des geistigen Eigentums“ fordern, leider nur die Künstler an und rauben ihnen ihre letzte Existenzgrundlage.
Also: Bitte realistische Alternativmodelle anbieten. Es ist nicht meine Aufgabe als Künstler, mir diese auszudenken, sondern die Aufgabe derer, die mit den momentanen Modellen nicht zufrieden sind. So funktioniert nun mal jede Revolution. Es reicht nicht, Barrikaden zu errichten und Paläste zu stürmen, das Ende eines Systems zu fordern, man muss auch darüber nachdenken, wie es nach einer erfolgreichen Veränderung weitergehen soll.

Thomas Sabottka

Thomas Sabottka (*1968) ist deutscher Autor und lebt momentan in Frankfurt. Zuletzt erregte er mit seinen Rock’n’Roll-Stories in der alternativen Literaturszene für Aufsehen.

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