Kurztrip nach Istanbul

Ein verlängertes Wochenende in der türkischen Metropole am Bosporus zeigte mir nicht nur zwei aufeinanderprallende Kulturen, sondern auch eine gespaltene Stadt, hin und her gerissen zwischen Moderne und Tradition.

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Es ist wie in jedem ärmeren Land, das zu einem grossen Teil vom Tourismus lebt. Abseits der Sehenswürdigkeiten nimmt die Sauberkeit und Pracht der Strassen ab, wandeln zu dunklen, staubigen Schluchten. Über 13 Millionen Menschen leben in dieser riesigen Stadt, die sich sowohl auf Europa als auch auf Asien befindet.
Unser kleines Appartement war in der Feridiye gelegen, nur wenige Minuten zu Fuss vom Taksim-Platz entfernt, wo die die Menschenmassen in und aus der breiten Einkaufsstrasse Îstikal strömen. Hier dominieren grosse Geschäfte, bekannte Marken und eine Unmenge an Passanten das Bild. Ähnlich zeigt sich der Bazar Kapaliçarsi, der mit seinen Händlern die Touristen zu kleinen Läden vollgestopft mit Ramsch und gefälschten Labeln lockt. Das traditionelle Handeln wird hier überspitzt betrieben, die Aufsässigkeit und Hartnäckigkeit der Verkäufer ist nervig aber verständlich, sind die reichen Europäer doch Garantie für das täglich Brot. Es ist eine oberflächliche, ja beinahe schon zynische Szenerie. Ein parodistisches Schauspiel auf die Konsumgesellschaft.
Doch die Stadt scheint in Bewegung zu sein. Eine Woche vor dem ersten Mai prangen an den Wänden Plakate, die zum Marsch auf die Strasse aufrufen. Aktivisten agieren in den Strassen, verteilen Flugblätter und Zeitungen. Zahlreiche Graffitis regen zum Denken und Handeln an. Und auch die Polizei ist allgegenwärtig, teils in schwerer Montur, wartend neben bereitgestellten Absperrgittern.
Währenddessen geht das Leben für die Bewohner weiter. Im Gewürzmarkt ist der Anteil an Einheimischen um einiges grösser, die Händler sogleich weniger aufdringlich. Draussen werden Pflanzen und Saatgut verkauft. Die tatsächliche Kultur des Handels wird vor dem Lokal praktiziert, am niedrigen Tischchen mit obligatem Tee.

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Die Türken sind stolz auf ihre Tradition und Vergangenheit. An den Fassaden prangen grosse Fahnen, Gründer Atatürk verehrt, der Islam ausgeübt. Mehrmals ruft der Muezzin zum Gebet und macht die Religion bewusst greifbar. Kein Wunder, wenn man die atemberaubenden Bauwerke wie die Hagia Sophia oder den Topkapi Palast bestaunt. Die imposante Bauweise und der Prunk der Sultane reicht bis in unsere Zeit. Tausende stehen täglich an um die Zeugen vergangener Zeiten zu besuchen.
Vom Westen her führt währenddessen der Kapitalismus eine wirtschaftliche Invasion an, die bisherige Lebensstile und Wertvorstellungen verdrängt. Eine Weltstadt wie Istanbul ist daher auch ein Schmelztigel der Generationen und je jünger die Person, desto stärker prägt sie, was durch den Bosporus kommt: die Globalisierung. Die Meerenge, die für den Handel im Schwarzen Meer und der restlichen Welt eine nicht vernachlässigbare Wichtigkeit besitzt, bringt nicht nur Wohlstand in die Stadt. Arbeitslose und miserable Wohnverhältnisse kommen mit dem ökonomischen Aspekt. Viele Häuser sind in baufälligem Zustand, eigentlich nicht mehr bewohnbar.
Trotz zahlreichen Missständen bleibt Istanbul eine äusserst spannende und dynamische Stadt. Es sind viele junge Menschen auf den Strassen unterwegs, arbeiten und engagieren sich. Eine Stadt, die im Begriff ist, den Spagat zwischen Moderne und Tradition zu meistern.

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