The Beauty of Gemina und der totale Sound

In seinem Buch über Bob Dylans legendären Song Like A Rolling Stone schrieb Greil Marcus folgendes: “Der Sound ist so reichhaltig, dass sich der Song niemals gleich anhört.” – Unter dieser Prämisse ging die Suche nach neuem, sogenanntem totalen Sound los.

“Du kannst wissen, dass, für dich, ein bestimmtes Wort, ein gewisser Teilsound tief im Innern des Gesamtsounds, das ist, was du hören möchtest; du kannst dir fest vornehmen, alles andere in dem Song beiseite zu schieben in Erwartung des Teils des Songs, den du hören möchtest. Doch das klappt nie.”
- Greil Marcus, “Bob Dylans Like A Rolling Stone – Die Biographie eines Songs”

Das strahlende Licht des Sterns namens Like A Rolling Stone lässt sich gar nicht mehr unter den Scheffel stellen, zu hoch ist er gestiegen, zu bedeutend seine Klänge. Doch ist es möglich, dass auch heute Musik mit der von Greil Marcus als “totalen Sound” beschriebenen Atmosphäre geschaffen wird?
Fündig wurde ich im Schweizer Sarganserland. Dort lebt der kreative Kopf der Wave-Band The Beauty of Gemina, die mit ihrem “Gemina-Sound” weltweit Anerkennung erlangten. Eine Analyse über drei Alben:
Entstanden ist die Band aus Seles ehemaliger Gruppe Nuuk heraus, die einen kühlen Wave à la The Cure produziert haben. Nach der Auflösung von Nuuk suchte der Gitarrist Michael Sele eine neue Herausforderung. 2006 gründete er The Beauty of Gemina zusammen mit seinem Nuuk-Mitmusiker, dem Drummer Mac Vinzens, und dem Bassisten Martin Luzio.
Mit der Single Suicide Landscape katapultierte sich Seles Truppe schlagartig ins Rampenlicht der internationalen Musikszene. Der Song erreichte Platz 1 der World Gothic Charts. Somit verwies die junge Band gestandene Künstler wie Nightwish oder VNV Nation auf die hinteren Plätze. Kritiker jubilierten ob dem Debut Diary of a Lost. Der Begriff “Gemina-Sound” definierte die Musik, die sich nicht schubladisieren lassen will.
2008 folgte das Album A Stranger to Tears, mit dem The Beauty of Gemina ein düsteres und bedrückendes Werk veröffentlichten. Das siebzehn Songs schwere Album knüpfte an den Erfolg des Erstlings an und definierte die Konturen des Gemina-Sounds stärker. A Stranger to Tears ist keine leichte Kost, dafür umso tiefgründiger, nachdenklicher und melancholischer. Die Energie aus Suicide Landscape steckt in jeder Note der Scheibe.
At The End Of The Sea lockerte die bedrohlich tief hängenden Wolken von A Stranger to Tears. Die Gitarre trat deutlich stärker in den Vordergrund, die elektronischen Elemente zogen sich zurück, was dem Album eine deutlich offenere und optimistischere Ambience verleiht. At The End Of The Sea ist auch das erste Album nach der Trennung von Bassist Martin Luzio. An seine Stelle trat David Vetsch. Vetsch und Vinzens schienen wie geschaffen für einander. Ihr Zusammenspiel ist solide und zeugt von musikalischer Reife.

Monsters in me (Diary of a Lost, 2006)
Der Song beginnt mit einem Klang, der wie eine entfremdete Glocke klingt. Im Hintergrund fliesst ein Teppich aus Geräuschen, während sich die rhythmischen Elemente deutlich hervorheben. Dann, wie ein Tosen in der Stille setzt eine sirrende Synthesizer-Passage ein. Es ist der Startschuss für das Anschwellen einer neuen Ebene, die sich vorsichtig aus dem Geräuschteppich schält. Mit dem zweiten Erscheinen des Sirrens setzten die Drums von Mac Vinzens ein und treiben den Song vorwärts. Mittlerweile haben sich weitere Puzzleteile eingeschlichen, die sich nur beim genauen Hinhören offenbaren. Mit dem Schlagzeug ist der ganze Sound zusammengerückt, als ob er die Arme verschränkt hätte, wartend bis gleich das nächste Bauteil im Klanggebilde auftauchen würde. Noch eine elektronische Spielerei. Sie nimmt dem Treibenden, das Monsters in me bis dahin innewohnte, das Tempo und klingt gezwängt, gezogen, verzerrt. Gleich darauf wird es jedoch übertönt von einem Geheule, das wesentlich langanhaltender ist. Die Passage zieht sich hin, die einzelnen Elemente treten kurz ins Rampenlicht, verblassen aber schnell wieder in dem sich ausbreitenden Soundmeer.
Auftritt eines hohen, messerscharfen Synthie-Produkts, das den Song fortan bestimmen würde und nur weichen muss, wenn sich das elektronische Geheule wieder meldet oder Sänger Michael Sele seine Stimme erhebt. Fast eineinhalb Minuten kommt der Song ohne Gesang aus. Die Komposition fegt aus den Boxen wie ein aufgewühltes Meer in einem Wintersturm. Plötzlich hört der Wind auf zu jagen, das Meer liegt still da; alles hält den Atem an. Einen Augenblick später erhebt Sele seine Stimme. One takes you down a seven / seven times seven lights to the seven doors / because there is no way for changing / for changing. Heimlich ist jedes Geraschel, jedes Stampfen und Ziehen im Hintergrund verstummt. Nur noch Drums und Gesang. Die Klänge gewinnen Mut, schreiten vorwärts und werden wieder wahrgenommen. Und auf einmal sind sie ganz da. Sele bezwingt die Wellen des wütenden Unwetters. Mit einem Blick gen’ Himmel vergisst man die schäumende Gischt. Listen to the snow that’s falling / how long a tear to come down here. Der Schnee bringt einen Hauch deines Todes mit sich. Langsam begreift man, dass es keinen Ausweg gibt. Der Sturm drängt sich zurück ins Bewusstsein. Vom Himmel schneien die Schatten und der Tod, der von Geburt erzählt. Einen Anflug von Sanftheit küsst Seles Stimme. Doch gleich darauf kehrt sie leidender als zuvor wieder in alter Stärke zurück. Die Phrasierung rast, um gleich wieder im Raum zu schweben. Das gibt Monsters in me ein ständiges Gefühl vom Hin und Her. Der Sänger schliesst seine Ansprache. Wir treiben ohne Steuermann davon. Nach und nach löst sich das Meer auf und ein entfernter Schrei endet in der Stille.

In your Eyes (A Stranger to Tears, 2008)
Ein krabbelndes Geräusch, elektronisch erzeugt, breitet sich aus. Untermalt von einem äusserst dunklen Grundton. Es zieht uns in einen Tunnel, an dessen Ende jedoch kein Licht zu sehen ist. Es ist ein schwarzes, Iris-gleiches Loch. Dann herrscht auf einmal Stille, nur die dunkle Bassline klingt noch nach. Kurz bevor sie ganz von der unangenehmen Ruhe vor dem Sturm verschluckt wird, setzte ein brachial gallopierender Riff ein. Er zwingt uns weiter in die Dunkelheit, unaufhaltsam und unbeugsam geradehaus. Mac Vinzens spielt seine Drums in der gleichen Monotonie wie es Sele mit der Gitarre tut. Ab und zu huschen Geräusche wie Schatten an der dampfenden Lokomotive, die Gitarre und Drums bilden, vorbei. Man schaut ihnen nach, weil man sie im Augenwinkel gesehen hat, doch der Zug ist zu schnell, um ihre Konturen wirklich erkennen zu können. Dann kommen einzelne Lichter, die die Schatten verdrängen. Flackern auf und werden vom Fahrtwind ausgelöscht. Es sind pieksende Töne, die im stampfenden Rhythmus aufbegehren.
Der Zug setzt seine Fahrt fort, auch wenn der nun immer wiederkehrende Synthie-Part eine gewisse Abwechslung in den Song bringt, bleibt die Atmosphäre weiter bedrohlich. Licht und Schatten wechseln sich weiter ab. Vinzens lässt das Hi-Hat verstummen, der Sound wird dumpfer. Es soll nur eine kurze Weile anhalten, denn mit den ersten Worten aus Seles Mund, beginnt auch ein hellerer, aber genauso schneidender Synthie sein Spiel. Dieser Synthie rahmt die kurzen Zeilen Seles ein, dessen Stimme schleppend und müde klingt. And I see it in you / I feel it inside / I see it in love / Can’t get out of my mind. So marschiert der Song vorwärts. Vorerst hat Sele geschlossen. Der Synthie wechselt sich nun mit einer weiteren elektronischen Line ab, die einen extrem ziehende Klang erzeugt. Die Line bohrt sich jedes Mal aus dem Grundrhythmus und baut sich zu einem spitzen, in den Himmel wachsenden Turm auf. Michael Sele wiederholt nun die Zeilen, ist aber eindringlicher und fordernder, da sämtliche elektronischen Elemente bis auf die Schatten verstummt sind.
Nun kehren das Wechselspiel der Synthesizer zurück. Vinzens bearbeitet sein Schlagzeug gnadenlos. Es ist kein Traben mehr, jetzt wird marschiert, gestampft, alles planiert. Nichts wagt sich In your Eyes mehr in den Weg stellen, diesem glühenden Tross wilder, sehnsüchtiger Liebe. Puts my entire mind out. Diese Worte werden von Sele derart verschleppt, dass sie kaum zu erhaschen sind.
Es folgt ein abrupter Stopp oder vielleicht eine Zeitlupenaufnahme der Fahrt im dunklen Tunnel. Es zeigen sich Elemente, die neu scheinen, doch eigentlich waren sie immer da, verborgen im Getriebe der Maschine. Egal ob es nun ein Stopp oder eine Zeitlupe ist, Sele übertönt mit seiner Stimme alles. Kurze Bassstösse wie Herzschläge und dann wieder dieser ziehende Klang. Ein kurzer Moment der Stille und Vinzens haut wieder auf die Drums wie zuvor. In einem fast übersehbaren Wechsel kehrt der Song zum Wechselspiel zurück und geht ebenso flüssig wieder zum treibenden Marsch über. In your Eyes liegt in den letzten Atemzügen, dennoch bäumt sich das Arrangement mehr und mehr auf. Lines treten vor und verblassen wieder. Und alles in einem rasanten Tempo. Der Song schliesst mit Puts my entire mind out und einem langen Ausklang der Synthesizer-Parts.
In your Eyes ist unfassbar kompromisslos in seiner Art. Der Song peischt sich selber zum Ende hin, verlässt den vorgezeichneten Pfad bei keiner sich bietenden Gelegenheit. Die monotone Gitarre trägt den ihn wie auf Schienen. Die Verspieltheit liegt in den Details, die vom alles übertrumpfenden Stampfen überlagert wird, jedoch an sich dem Titel aus dem Herzen des Albums keine fröhliche Note verleihen. Der Reiz ist die Heimlichkeit, die Unbemerktheit wie die Elemente ineinander fallen, sich umkreisen, auftauchen und verschwinden oder einfach zurück gelassen werden. Es geschieht so unbewusst, dass man einfach dem Song folgt und irgendwann merkt, dass da etwas gewesen sein musste. Doch zurück kann man nicht. Und auch wenn man es sich vornimmt, beim nächsten Mal, dieses Vorbeihuschen zu erhaschen, marschiert man doch wieder mit dem Song mit und vergisst, stehen zu bleiben und sich umzuschauen.

Dark Rain (At The End Of The Sea, 2010)
Schwieriger wird es beim dritten Album At The End Of The Sea. Hier komme The Beauty of Gemina an neuen Ufern an, die sich anders präsentieren als die dunklen Gestade der beiden vorherigen Veröffentlichungen. At The End Of The Sea ist ein durchbrechender Sonnenstrahl im wolkenverhangenen Gemina-Sound. Die schweren elektronischen Elemente werden von den vorauspreschenden Gitarren im Zaum gehalten. Auch das Repetitive als Stilmittel verblasst ein wenig im Anbetracht des neu auftauchenden Schemas mit Strophe und Refrain.
Zwar ist das Album in sich und klanglich offener und heller aufgebaut, dennoch ist es eine natürliche Weiterentwicklung der Band. Auf dem Album wird auch klar, wie stark Sele vom Wave der 1980er-Jahre beeinflusst wird. Stücke wie Obscura oder Black Cats Night treiben ganz klar auf derselben Ebene wie etwa Pictures of You oder Disintegration von The Cure.
Diese Atmosphäre auf At The End Of The Sea erschwert natürlich die Suche nach dem totalen Sound, da er hier über eine musikalische Veränderung der Band zu stolpern droht. Ein Vergleich kann die ganze Betrachtungsweise ins Lächerliche stürzen.
Doch natürlich hört man auch den Songs auf At The End Of The Sea die Vergangenheit der Band an. Ein gewisser Nachhall der düsteren Klanggebilde aus A Stranger To Tears hängt jedem einzelnen der dreizehn Titel nach. So steht gleich der Einstieg in das Album, Dark Rain, den älteren Songs, was die Komplexität des Arrangements angeht, in nichts nach. Am Beginn steht ein hohles Geräusch, ein Rauschen, wie wenn man sein Ohr gegen eine Muschel hält. Ein rieselndes Geräusch, der Regen, versteckt sich hinter der dem heraufziehenden Rauschen, dem Wind am Ufer des Meers. Doch Zeit genauer darüber nachzudenken hat man nicht, denn Mac Vinzens beginnt gleich sein Schlagzeugspiel aufzubauen. Es wird lauter, es kommt auf uns zu. Der Hörer wird mitgerissen, aufgesaugt. Gleichzeitig setzt auch der Bass dumpfe Akzente, verleiht dem Einstieg den nötigen Tiefgang. Und dann, mit einem kurzen Schlag, steigt die akustische Gitarre mit ein. I take the road beside you. Michael Sele nimmt uns an der Hand und führt uns ans Ende des Meers. Nach dem ersten Teil der Strophe setzt der surrende Sythesizer ein, vervollständigt vorerst das Klangbild, vertreibt aber die schlingernde Gitarre aus dem Rampenlicht.
Bloss eine kurze Überleitung und der Hörer steckt seinen Kopf durch die nächste Tür, den Refrain. Gewaltig jagt nun die E-Gitarre mit einem prägenden Melodiebogen durch die Wolken. In the yellow haze of a burning sky. Dann prescht der Synthie wieder hervor, umgarnt die Gitarre mit seinem spitzen Sound. Es kommt zum Tanz der beiden so dominierenden Elemente. I dream of an everlasting angel.
Auf den Refrain folgt eine kurze Bridge, die sich die Gitarre mit einem repetitiven Riff zu Eigen macht. Dann kehrt der Song zu einem ruhigeren Bild, dem der Strophe, über. Gleich der ersten Strophe setzt wieder der Synthie ein, gefolgt vom zweiten Refrain.
Doch diesmal unterscheidet sich der Refrain im Text vom ersten. Der Traum vom Engel ist vorbei, feel the dark rain. Sele wiederholt diese Zeile so oft, dass den dunklen, kalten Regen auf seiner eigenen Haut spüren kann. Denn es ist nicht sicher, ob es nun ein Befehl war, den Regen zu spüren, oder eine Frage.
Die nächste Brigde ist eine, die keine sein möchte. Der Sturm ist losgebrochen, die Wellen toben und die Wolken wirbeln. Das Netz des Synthesizers hat die Gitarre nun vollends umschlungen, aus dem anfänglichen Tanz entwickelt sich nun ein wilder Kampf, in dem die Gitarre vergebens versucht, Luft zu schnappen. Über die stürmische See hallt nun Seles Stimme, die wieder zu Träumen beginnen hat. Als Sele kurz verstummt, zerschneidet die E-Gitarre das Netz aus elektronischen Tönen und tritt in neuer Pracht auf. Der Triumpf währt nicht von langer Dauer, doch der Krieg ist vorbei und die Klänge tanzen wieder.
Synthie und Gitarre begegnen sich in einem steten Zwischenspiel, das mal lieblicher, mal feindseliger Natur zu sein scheint. Dieses Spiel macht Dark Rain zu einem speziellen Song, der zwar nach vorne prescht, aber ab und zu auf seinem Weg zögert. Der Himmel widerspiegelt sich nicht nur im Titel, sondern auch im Sound. Unter der aufgebrachten Oberfläche liegt nämlich das beständige, vergleichsweise ruhige Spiel von David Vetschs Bass, dem dem Song zusammen mit den Drums Kontinuität verleiht. Ihre Synergie bietet den nötigen Halt, ist für das Gehör ein Wegweiser, der sagt: Hey, hier geht’s lang.

Das neue Album von The Beauty of Gemina mit dem Namen Iscariot Blues darf mit Spannung erwartet werden. Interessant dürfte sein, welcher Song sich in diesen Text gut einreihen würde. Vielleicht wären es auch gleich mehrere, wie auch bei A Stranger to Tears weitere Titel wie Galilee Song oder Simple Death sehr gut gepasst hätten.
Natürlich lässt sich der “beste Song aller Zeiten” nicht mit den Liedern aus Seles Feder vergleichen. Sie entstammen verschiedener Zeiten, unterlagen verschiedenen Einflüssen und beschreiben andere Situationen. Die Stimmung, welche der Gemina-Sound aber beschwört, kann allerdings durchaus als neuer, totaler Sound definiert werden.

The Beauty of Gemina
Michael Sele – Words & Music, Vocals, Guitars, Keyboards, Programming
Mac Vinzens – Drums
David Vetsch – Bass

http://www.thebeautyofgemina.com

Bilder: Manuel Vargas Lepiz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s